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Ist 'der Häupl' wirklich schuld am Elend von Wiens Spitzengastronomie?
copyright: Martin Steiger, Schlumberger Wein- und Sektkellerei GmbH, 1190 Wien
©: Martin Steiger, Schlumberger Wein- und Sektkellerei GmbH, 1190 Wien
  

Währen fünf und mehr Stern Hotels in der Wiener Innenstadt einen Bauboom sonders gleichen erleben, gibt die Spitzengastronomie von internationalem Niveau eher einen Niedergang. regelmässig sperrten in den letzten Monaten Spitzenlokale zu, Topköche wechselten im Karussel. Doch was hat der von Hohenlohes Gault-Millau eilfertig im Wahljahr zum Gourmet des Jahres gekrönte Bürgermeister damit zu tun?

Es lässt sich nicht leugnen: in der Wiener Innenstadt gab es in den letzten Jahren ungewöhnlich viele Luxushotelprojekte und auch in den nächsten Jahren stehen noch einige an. So viele, dass man sich angesichts der Proliferation fragt, ob dieser Trend je zu Ende gehen wird. Wahrscheinlich nicht, solange es in der Innenstadt noch Gebäude gibt, die keine Kirche sind und weder Botschaft noch öffentliche Verwaltung beherbergen und auch noch nicht zum Luxushotel adaptiert wurden.

Ganz gegenteilig hingegen das Bild in der Spitzengastronomie. In wenig anderen Weltstädten gibt es dermassen wenige Sterne-Restaurants - die inflationären und ausserdem in Wirklichkeit immer nur nach lokalen Standards vergebenen Hauben wollen wir geflissentlich übergehen) und in keiner anderen Grossstadt hat in den letzten Jahren ein so grosser Anteil von Spitzenrestaurants zugesperrt - noch dazu ohne, dass neue Shooting Stars nachgekommen wären. Ganz davon zu schweigen, dass die Kreativituat in Wien's Küchen leider rar, die Experimentierfreude nicht existent und alle wichtigeren Trends internationaler Spitzenkulinarik vergangener Jahre geflissentlich verschlafen wurden. Dazu eine Fachjournaille, die seit über einem Jahrzehnt manisch die Rennaissance des Beisls als das wahre, pure, tiefe herbeizuschreiben trachtet.

Unlängst sprach ich mit einem befreundeten Innenstadtgastronom über dieses Thema. Der zögerte zuerst, fasst sich dann aber ein Herz. "Ich sag's ungern, Du kennst mich, in bin kein Politischer. Aber schuld ist der Häupl!" Diese Aussage rührte mich wie der sprichwörtliche Donnerschlag. Konnte es wirklich sein dass gerade dieser mann, der joviale, mit allen gut Könnende, er, der doch dieses Jahr just Gourmet des Jahres wurde, der Topköchen wie Gehrer und Österreicher Heim und Herdstatt gab, dass dieser unser Bürgermeister in Zusammenhang mit derartigen Verschwörungstehorien stehen könnte?

Nun gut, Freunde hat sich Häupl in der Topgastronomie wohl keine gemacht, als er anlässlich seines Amtsantrittes als 'Gourmet des Jahres' meinte, er liebe die einfache, klassische Küche ohne Schischi und modernen Schnickschnack. "A Bruckfleisch, a Beuschl mit Knödl...' Ja, sieht man ihn an glaubt man's ihm auf's Wort. Viel eher wähnte man ihn vor dem geistigen Auge in der Gösser Bierklinik eine Beamtenjause konsumierend zu sehen als schick an Fabio's Bar, den Aperol Spritz in der Hand.

Um so signifikanter erscheint es, dass sich Hohenlohe ausgerechnet in Vorwahlzeiten bemüssigt gefühlt hatte, diesem gerade für das Fortkommen in Wien so gewichtigen Mann Lob und Ehre angedeihen zu lassen. Aufrecht, ehrlich und ohne Rücksicht auf jene, die seine Seiten füllen. Ein klares Statement, in Verbindung mit den ergreifenden Worten. Wien braucht keine Sterne- und Schischiküche, sondern ganz viele gute Beisl mit klassischer Küche. Ohne Schnickschnack und molekulares Gottseibeiuns! Essen für die kleinen Leute, die Hackler, die Ehrlichen und Arbeitenden, nicht für Bankdirektoren.

Und das ist genau die Begründung, die mein Freund seinem gravierenden Vorwurf nachschickte. Während unter dem weltgewandten Journalisten Zilk der Aufstieg des kleinen Mannes gefeiert wurde, dessen Grundlage in der Kreisky-Ära gelegt worden war und als dessen bundespolitische Symbole die 'Nadelstreifkanzler' Vranitzky und Klima gesehen werden könnten, wurde es unter Häupl wieder anders. Immerhin hatte Zilk ja, so die Fama, mit seiner Dagi im Wiener unter einem Pseudonym selbst Lokalkritiken geschrieben. Und nicht nur über das Athen grüßt Wien, eines seiner Stammlokale, sondern bis hinein in die ganz grosse Kulinarik der Achtziger.

Die gefühlte gastrosophische Trendwende unter Häupl hingegen führte zu einer repressiveren Anschauungsweise. Plötzlich waren die teuren Gourmettempel nicht mehr Hort feinsten Genusses sondern suspektes Etablissement indem Geldadel und oft zwielichtige Geschäftemacher mit ihren willfährigen Bankern dubiose Geschäfte besprechen, ökonomisch sicher von der misera plebs, dem vielbeschworenen kleinen Mann getrennt. Letzterer traf sich, weil ehrlich und anständig natürlich nur im Beisl, beim Wirtn oder allenfalls beim Heurigen.

Zwei Tendenzen verstärkten diesen Trend in den letzten Jahren noch. Der sprunghafte Anstieg der Preise in Wiens gehobener Gastronomie, der seit Einführung des Euros eine durchschnittliche Teuerungsrate von gut 8% pro Jahr ergibt ist eines dieser Phänomene und führte dazu, dass tatsächlich nur noch Wenige sich den teuren Genuss ohne geschäftliche Veranlassung leisten konnten und wollten. Die Wirtschaftskrise tat das ihre dazu, die Verschärfung der Antikorruptionsgesetze ein Übriges. Genuss im Luxusgourmettempel war nun wenn schon nicht strafbar, so doch verwerflich, anrüchig, einfach uncool.

Dieser Trend entsprach den schlichten kulinarischen Bedürfnissen des Bürgermeisters natürlich wie die Faust aufs sprichwörtliche Auge. Denn er, der schon immer lieber einbrennte Fisolen und ein Schweinswiener hatte, konnte nun seiner Abneigung gegen Kaviarschaum, Thunfischtartar und Trüffelsoufflee endlich auch politisch gewinnbringend Luft machen. Doch mit Worten war es nicht getan, indem er zwei der renommiertesten Köpfe der Wiener Kochszene, Gehrer und Österreicher in Projekten der Stadt Wien ein neues gastronomisches zu Hause gab, führte er auch sie zurück zum Wahren und Guten.

Doch auch wenn es für Gourmettempel in Wien derzeit alles andere als gut aussieht, gibt es Hoffnung. Vor den Toren Wien gibt es mittlerweile ebenso viele ausgezeichnete Restaurants von internationalem Niveau, die nicht lokal schlecht geredet werden, wie in Wien selbst. Und Salzburg ist auch nicht weit - und da ist man dann schon fast wieder in München. Und was den Herrn Bürgermeister betrifft, nachdem er seine voraussichtlich letzte Wahlschlacht im Herbst erfolgreich geschlagen haben wird und die Absolute und damit den uneingeschränkten Machterhalt wohl perpetuiert haben wird findet er ja vielleicht doch auch wieder zu einer offeneren Blickweise. Schliesslich versteht er sich ja beim Trinken auch auf kompromisslose internationale Qualität ohne lokalpatriotische Selbstbeschränkung, auch wenn er bei öffentlichen Auftritten lieber Wiener G'mischten Satz predigt...

[scs]

copyright: http://at.mydays.com
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